Legende – Mondzwillinge

Es werden immer zwei sein.  Zwei vom selben Blute. Zwei, gezeichnet vom silbernen Reißzahn. Aus den ersten Zwillingen, die das Mal trugen, wurden die Silverfangs geboren. Seit jener Nacht wiederholt sich das Muster: Wenn Zwillinge geboren werden, hebt der Mond seinen Schleier mit milder Hand und gute Zeiten legen sich wie Fell über das Rudel.

Wenn Kinder geboren werden, nicht im selben Atem des Lebens, doch beide tragen den silbernen Zahn, dann flüstert der Wald von Prüfung. Dann schweigt der Mond. Denn so wurde gesprochen in Blut, Rauch und Traum:

 „Aus einem alten Fang steigen zwei Schatten empor.
Beide tragen Silber, doch nicht dieselbe Last.
Der Erste bringt, wo er geht, Heilung, Versöhnung, stillen Mut.
Er näht, was zerrissen ist, bindet Wolf an Wolf, und wischt das Blut von den Steinen.
Der Zweite trägt den Sturm im Herzen, das Feuer in den Adern,
und wo seine Schritte hallen, werden alte Sünden erwachen.
Einer wird das Rudel sammeln, einer wird es prüfen.
Einer wird die Ketten sprengen, einer sie neu schmieden.
Und wenn Silber gegen Silber steht, wird sich zeigen,
ob der Zahn des Mondes zum Schutz oder zum Töten geformt wurde.“

So hielt sich die Kunde durch die Jahrhunderte: Kinder mit dem Mal, getrennt durch die Zeit, tragen keinen Segen, sie sind das Messer an der Kehle des Rudels. Doch ob Hoffnung oder Verderben überwiegt, entscheidet nicht das Mal, sondern, wessen Blut zuerst fließt, wenn Bruder gegen Schwester, Silber gegen Silber steht.